DAS ABENTEUER GEHT WEITER
Veröffentlicht am 15. Jul, 2009 von supercargoPro in Allgemein
NICHTS BLEIBT WIE ES WAR. LÄSST SICH ZEIT WIEDER ZURÜCKSPULEN?
“Zeitschleife”, denkt Papadopoulos. Der fette Pope verlagert sein enormes Übergewicht von der einen auf die andere Hinterbacke. Der Stuhl protestiert mit empörtem Knarren. Unter dem Kleidungsstoff laufen Hautwellen über Papadopoulos muskelfreie Fettmasse. “Nur keine Hektik”, knurrt Lucky von der anderen Seite des Alpha-Cafés. “Zeitschleife”, wiederholt Papadopoulos den Gedanken wie ein Codewort. Sein dicker Popenfinger malt mit dem Weinrand ein Unendlichkeitszeichen auf die abgenutzte Tischoberfläche.
Das Alpha-Café in Azogires auf Kreta ist einer der Orte, an denen die Zeit langsamer läuft. So langsam, dass man den Lauf der Zeit kaum wahrnimmt. Es ist der natürliche Gegenpol zu den Orten wo die Zeit rast wie ein ICE. Eigentlich müsste man eine Uhr erfinden, die unterschiedlich schnell geht. Da ja auch die Zeit unterschiedlich schnell vergeht. Eine Uhr also, die innerhalb einer Stundeneinteilung mal schnell, mal langsam geht und auch mal stillsteht.
Papadopoulos starrt über den Tisch und lässt dann seinen Blick durch den Raum schweifen. Die üblichen Einheimischen. Hinten in der Ecke sitzt der alte Schäfer Costas vor einer Flasche Bier und schläft mit dem Kopf auf der Tischplatte. Leonidas, der Onkel von Lucky sitzt und guckt. Zwei durchreisende Rucksacktouristen, tätowierte Dreadlocks spielen Tafli. Der Fernseher läuft und scheint gerade den Output zu recyceln, den er gestern, vorgestern oder vor zwanzig Jahren in die Umwelt geblasen hat. “Das Fernsehprogramm ist in einer Unendlichkeitsschleife gefangen,” grübelt sich Papadopoulos zu Recht und starrt dann wieder auf die Maserung des Tisches.
Lucky steht versunken in seiner Gedankenwelt hinter der Theke, spült manchmal Gläser, reagiert auf Winke der Gäste und schreibt zwischendurch mit einem Bleistift Zahlen auf ein Blatt Papier. Wahrscheinlich eine Abrechnung, denkt Papadopoulos. Oder die Kalkulation seiner Olivenernte. “Nichts als Zahlen. Was zählt im Leben ist Erzählstoff, Alles Zahlen.” denkt Papadopoulos und seufzt. Früher musste er nicht alleine am Tisch sitzen und vor sich hin philosophieren. Da waren die Freunde immer bereit für ein Fach-, Sach- oder Streitgespräch oder einen Um- oder “Unter-den-Tisch-Trunk”. Doch an jeder Idylle nagt der Zahn der Zeit. Jetzt sitzt der eine im Knast, weil er den Liebhaber seiner Frau totgeschlagen hat. Der andere treibt sich irgendwo in der Welt rum. Und Lucky denkt nur noch an seine neue Liebe. Das war’s. “Jeder ist in seiner eigenen Hölle oder seinem eigenen Paradies für sich allein,” denkt Papadopoulos.
Lässt sich Zeit zurückspulen? Wie auf einem Tape-Rekorder. Aber dann würde man das Gestrige nur wiederholt erleben. Das muss auch nicht sein. Oder funktioniert Zeit gar nicht linear, sondern digital? Geschieht alles in absoluter Gleichzeitigkeit. Simultan und synchron? Ist die ganze Existenz ein einziges Ereignis im ewigen Jetzt. Und die Diktatur des Ziffernblattes völlig überflüssig.
“Was ist mit deinem Arm?”, fragt Lucky und holt Papadopoulos aus seinem dumpfen Brüten heraus. “Keine Ahnung”, antwortet der. “Das kommt manchmal und ist dann wieder weg.” “Für ein Stigma jedenfalls eine ungewöhnliche Stelle”, grinst Lucky. “Sieht aus wie eine Bisswunde oder ist es ein Knutschfleck?”
Papadopoulos wird rot und brabbelt etwas in seinen Bart, was im Klingeln des Telefons untergeht. Lucky geht zum Apparat. Das Gespräch ist kurz. Papadopoulos Ohren sind auf Mithören geschaltet. Aber ein greller Werbeblock im Fernsehen übertönt Luckys nuschelige Stimme.
Lucky legt auf und starrt für einen Moment ins Leere. Seine Zähne nagen an seiner Unterlippe. Es arbeitet in ihm. Er sucht etwas, eine Erinnerung vielleicht. Aber er findet sie nicht. Resigniert spuckt Lucky die eigene Unterlippe wieder aus und schlendert zurück zu Papadopoulos.
“Ein Krokodil”, sagt Lucky und setzt sich zu Papadopoulos.
“Was?”
“Die haben unten am Strand ein totes Krokodil gefunden.”
“Ach”, macht Papadopoulos geistesabwesend. Beim Stichwort Krokodil knackt es irgendwo in seiner Erinnerung. Ein knirschendes Geräusch, wie in einem Getriebe. Dabei bleibt es. Nichts kommt. Die Resonanzwelle einer vagen Erinnerung läuft ins Leere.
“Soll riesig sein”, sagt Lucky.
“Reptilien sind immer ziemlich groß.”
“Aber nicht auf Kreta. Da sind Krokodile so klein, dass man sie überhaupt nicht sehen kann.”
Die Tür geht auf und neue Gäste kommen. Touristen. Papi, Mami, Kind 1, Kind 2. Mami noch knackig, aber schon mit Mühe. Papi hat aufgegeben, mit seiner Frau mitzuhalten. Deutlicher Bauchansatz über der Jogginghose. Haarausfall. Geschmacklose Kleidung. Lucky steht auf und kümmert sich um die Kundschaft.
Was war mit dem Krokodil, gräbt sich Papadopoulos in seinen Erinnerungsspeicher. Suchfunktion scannt alle Dateien durch. Währendessen starrt er versonnen auf das wohlgeformte Hinterteil von Mami. Kind 1 will Cola, bekommt aber keine und fängt an herumzuheulen. Mami läuft rot an und imitiert Erziehung. Kind 1 heult weiter, Kind 2 setzt zum Solidaritätsheulen an. “Ich will aber Cola!” “Ich auch!” Papi läuft rot an. “Cola ist alle”, erklärt Lucky knapp.
“Man sollte solche Szenen filmen und zur Geburtenkontrolle einsetzen”, knurrt Lucky, als er wieder bei Papadopoulos sitzt. “Sex ist der Motor allen Handelns”, philosophiert Papadopoulos. “Die Natur des Lebens ist nicht zu stoppen. Und die ist auf Vervielfältigung programmiert.” “Ach ne, ” erklärt Lucky, “der Mensch sucht das Gefühl der Verschmelzung, also Vereinheitlichung, Rückkehr in die Einheit. Und was kommt dabei raus? Vervielfältigung der eigenen Art.” “Ja, die Handlungsmotive sind unterschiedlich. Und daraus entstehen die Konflikte, an denen wir dann leiden,” erwidert Papadopoulos,
“Würde sich doch gut hier machen, so ein Krokodil”, lenkt Lucky vom Thema ab und schweift mit den Augen über die weiß gekalkte Decke des Innenraums. Er sieht es schon an Ketten von der Decke baumeln.
